Krieg auf der Straße

Ich nehme jetzt (endlich!) wieder mit einem vernünftigen Zweirad regelmäßig am Straßenverkehr teil, und direkt wird mir wieder vor die Nase gehalten, wie problematisch das mit den Autos im (Innen-)Stadtverkehr ist, und ich muss mal ein wenig was los werden.

Natürlich trifft das längst nicht für alle Autofahrer zu, aber allein durch ihre schiere Masse und ihre inherente Dominanz drängen sie die anderen Verkehrsteilnehmer zurück. Dann kommen noch die Einzelfälle hinzu, die wirklich der Meinung sind, ihnen gehöre die Straße, und die auch bereit sind dieses Recht aktiv (und aggresiv) durchzusetzen. Und die Einzelfälle, denen garnicht bewußt ist, was für eine Waffe sie da unter sich haben, und durch unaufmerksame Fahrweise Leben gefährden. Und schon hat man eine Verkehrssituation, die Radfahrer und Fußgänger aktiv einschränkt.

Der Stadtplaner Jan Gehl, welcher der Kopf hinter dem Umbau von Kopenhagen ist, hat in einem Inteview diese schöne Anekdote erzählt:

Herr Gehl, woran erkennt man die Lebensqualität einer Stadt?

Jan Gehl: Es gibt einen sehr simplen Anhaltspunkt. Schauen Sie, wie viele Kinder und alte Menschen auf Straßen und Plätzen unterwegs sind. Das ist ein ziemlich zuverlässiger Indikator. Eine Stadt ist nach meiner Definition dann lebenswert, wenn sie das menschliche Maß respektiert. Wenn sie also nicht im Tempo des Automobils, sondern in jenem der Fußgänger und Fahrradfahrer tickt. Wenn sich auf ihren überschaubaren Plätze und Gassen wieder Menschen begegnen können. Darin besteht schließlich die Idee einer Stadt.

Warum sind ausgerechnet Kinder und Senioren Indikatoren?

In Hanoi traf ich kürzlich eine Vietnamesin, die gerade aus Dänemark zurückgekehrt war. „Wie ist es bei Ihnen eigentlich zu diesem Babyboom gekommen?“, wollte sie von mir wissen. „Überall in Kopenhagen sieht man Eltern mit Kinderwagen und selbst Fünfjährige auf dem Fahrrad.“ Dabei haben wir überhaupt keinen Babyboom, ganz im Gegenteil. Aber Kopenhagen ist so sicher, dass wir unsere Kinder auf die Straße schicken. Gleiches gilt für die Älteren, von denen es, wie Sie wissen, immer mehr gibt. In Hanoi wäre es für sie auf den Straßen viel zu gefährlich.

Dem möchte ich mich anschließen. Und natürlich ist die große Frage, wie man diesen Wandel vollzieht. Einfach Autos in den Städten verbieten kann nicht die Lösung sein, und es macht auch wenig Sinn. Vielmehr muss man den alternativen Verkehr attraktiver machen und fördern, während man den Autoverkehr ein wenig unattraktiver macht. Es kann nicht darum gehen, alle Menschen zum Radfahren zu zwingen, sondern in den Städten eine Atmosphäre zu schaffen, die es allen Menschen ermöglicht, Rad zu fahren, sie sogar aktiv darin unterstütze, und sie nicht durch die unübersichtliche oder gar gefährliche Verkehrssituation daran gehindert werden.

Aktuell ist es normal, in der Stadt das Auto zu benutzen, und ich habe schon oft gehört, gerade in Städten wie Dortmund, dass Menschen lieber nicht das Rad nehmen, weil es ihnen zu gefährlich ist. Diese Situation gilt es zu ändern.

Natürlich habe ich auch so meine Ideen, was getan werden könnte, einen Maßnahmenkatalog. Ich bin mir aber auch durchaus bewußt, dass nichts davon einer Machbarkeitsstudie unterzogen wurde (bzw. nicht von mir oder es ist mir nicht bewußt), Themen wie Finanzierung und Umsetzbarkeit klammere ich bewußt aus, auch hat jede Stadt mit anderen Umständen zu kämpfen und erfordert andere Maßnahmen. Aber es geht mir darum Ideen zu sammeln, mit denen man anfangen könnte.

Als erstes könnte man natürlich den öffentlichen Nahverkehr stärken. Es muss attraktiv und simple sein, sich mit Bus und Bahn zu bewegen. Fahrscheinloser bzw. kostenloser Nahverkehr wird (oder wurde) von der Piratenpartei angedacht, allerdings scheint es nicht ganz so einfach zu sein, ich habe letztens einen Bericht gelesen (den Link habe ich leider verlegt), nachdem es in den Städten, in denen der kostenlose Nahverkehr in Pilotprojekten ausprobiert wurde, hauptsächlich diejenigen waren, die sonst zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs waren, die dann auf Bus und Bahn umgestiegen sind. Die, auf die es ankommt, die das Auto nehmen, obwohl sie sich eigentlich ohne Probleme ein Ticket leisten können, lassen sich von Preisminderungen eben nicht erreichen.

Es muss eben attraktiver sein, den ÖPNV zu benutzen. Wenn die Züge und Busse pünktlich sind, sauber, nicht überfüllt, man an der Haltestelle nicht im Regen und Wind steht, ist bestimmt schon mal einiges gewonne.

Ein kostenloser Nahverkehr kann trotzdem sinn machen, wenn man sich überlegt, das soetwas wie ein recht auch Beförderung existieren könnte. Menschen, die sich kein Zugticket leisten können, werden von vielem ausgeschlossen, und es bewirbt eine Gesellschaft nicht gerade, wenn sie Teile von sich dermaßen abhängt.

Radfahrer, Fußgänger und Autofahrer konkurrieren direkt um den verfügbaren Platz, und wenn der Radverkehr gefördert werden soll, hat es somit direkt auch Auswirkungen auf den Autoverkehr, es gibt eine Verschiebung der Prioritäten. In den 20ern und dann verstärkt auch unter Hitler wurden viele Radwege mit dem Ziel eingerichtet, Fahrräder den Autos unter zu ordnen, sie von der Straße zu drängen, was man heutzutage vielerorts noch an den Radwegen spürt.
Wenn jetzt die Trennung von Straße und Radweg aufgehoben wird, wenn Autos und Fahrräder gleichgestellt werden, kann das schon viel bewirken. Innerorts eine generelle Tempodrosselung (auf 30kmh z.B.), größere mehrspurige Straßen könnten ein höheres Tempo erlauben, doch da wird dann eine komplette Spur für Fahrräder reserviert, so dass sie sich auch bei den höheren Geschwindikeiten der Autos sicher bewegen können, in Wohngebieten werden alle Straßen zu Spielstraßen, bei denen Fußgänger (und spielende Kinder!) absoluten vorrang haben.

Einfacheres und günstigeres Carsharing könnte bewirken, dass so manches Auto garnicht erst gekauft wird, da im Zweifelsfall darauf zurückgeriffen werden kann.

So könnte erreicht werden, dass man zwar immer noch überall mit dem Auto hin kommt, wenn dann der große Wochenendeinkauf ansteht, aber die anderen Möglichkeiten im Alltag deutlich attraktiver sind.


Aktuell sind wir davon noch weit entfernt. Hier entsteht gerade der Trend, dass Radfahrer leuchtende Warnwesten tragen, was ich für sehr fatal halte. Natürlich ist es erst einmal sicherer, und es spricht auch garnicht gegen das Tragen so einer Weste. Es macht aber wieder einmal ganz klar deutlich, wie sehr der Radfahrer sich doch unterzuordnen hat. Das Mindset dahinter ist ja, dass die Radfahrer die Exoten sind, "wenn du schon Radfahren must", dann kleide dich wenigstens wie ein Weihnachtsbaum, "normale Menschen nehmen ja das Auto". Das sind die Strukturen des Victim-Blaming. Anstatt den Autofahrern, das sind die die unbedingt tonnenschwere Geschosse durch dicht besiedelte Gebiete jagen müssen, einzuhämmern, gefälligst vorsichtig zu sein, wird die Schuld den Radfahrern zugeschoben, die ja so schlecht zu sehen seien.
In Kopenhagen habe ich keinen einzigen Radfahrer mit Warnweste gesehen.


Ich glaube nach so einem Text muss ich noch mal ganz deutlich betonen: Mensch, macht (mir) Radfahren Spaß! Trotz all der Probleme die da aktuell auftauchen, steige ich jeden morgen gerne aufs Rad. Ich wünsche mir, dass mehr Leute sich das trauen. Radverkehr ist der Verkehr der Zukunft.