Bitte kein Mobilitäts-Nudging

Im Rahmer den IAO-Blogreihe zum Wissenschaftsjahr 2015 - Zukunftsstadt Teil 1: Die bewegte Stadt veröffentlicht Constanze Heydkamp einen Artikel, in dem sie für Nugding als Mittel für eine nachhaltige Mobilität plädiert.

Mir rollen sich bei dem lesen des Artikels mehrmals die Fussnägel hoch.

Erst einmal finde ich es, nun ja, fast schon beschämend, das so Tricks wie die Fliege in dem Pissoir wirklich funktionieren. Sind wir wirklich "so"? So simple gestrickt. So leicht zu manipulieren? Wie soll man eine Spezies ernst nehmen, die sich so leicht darin manipulieren lässt, wohin sie pinkelt?

Aber es geht ja um Mobilitäts-Nudging, und irgendwie stehe ich dieser Idee ziemlich skeptisch gegenüber. Es gibt ja schon Apps, wie zum Beispiel Green Apes, die einem virtuelle Kokosnüsse geben, wenn man sich gut verhält. Virtuelle Kokosüsse. Virtuell!! Und es scheint zu funktionieren.

Ganz ehrlich: Menschen, die mit dem nur Fahrrad fahren, weil sie virtuelle Punkte dafür bekommen, sind mir suspekt.

Nur so als kleiner Hinweise: Fahrrad fahren macht Spaß, auch ohne virtuelle Punkte.

Es ist ein erstaunlicher Einblick in die Menschliche Psyche, das soetwas funktioniert.

Aber, so lange das virtuell bleibt, ein Spiel, kann mir das ja suspekt sein, wenn die Menschen Spaß dran haben, bitte sehr. Ich fahre auch weiterhin einfach so mit dem Rad, mache einfach so Sport, esse einfach so Vegan, weil ich es besser finde, weil es mir Spaß macht, ganz ohne virtuelle Punkte.

Problematisch wird es, wenn aus den virtuellen Punkten echte Punkte werden, Vergünstigungen, Rabatte, etc., diese sind nämlich höchst unsozial. Es sind gerade die Menschen, die von diesen Belohnungen am meisten Profitieren würden, die davon ausgeschlossen werden.

Für mich wird bei dieser Strategie das Pferd von hinten aufgezäumt (wie es so schön heißt). Wenn eine Gemeinde das Ziel hat, die Menschen weg vom motorisierten Individualverkehr, hin zu ÖPNV und Fahrrad zu bewegen (was ich natürlich unterstütze), sollte ganz simpel diesen Verkehrsmitteln mehr Raum und Kompfort zugestanden werden. Wenn Fahrradfahren behindert wird durch ungünstige Ampelschaltungen, schlechte Wege, Gefährdungen durch Kraftfahrzeuge, sollten diese Probleme erst einmal behoben werden, um das Radfahren attraktiver zu gestalten. So bekommt man schon mal die, die wollen, aber abgeschreckt sind, und davon gibt es leider genug, auf die Straße.

Aktuell ist es, auf jeden Fall meiner Erfahrung nach, in Dortmund so, dass es normal ist, das Auto zu nehmen, und nur die, die wirklich wollen, nehmen das Fahrrad, haben dann aber mit Einschränkungen zu kämpfen. Das gilt es um zu kehren. Das Rad sollte normal sein, und die, die wirklich wollen oder müssen, können das Auto nutzen, natürlich dann mit der ein oder anderen Einschränkung, ganz so wie die Fahrradfahrer bei der aktuellen Situation mit Einschränkungen zu kämpfen haben. (Obwohl ich ja zugeben muss, dass da schon ein Wandel zu bemerken ist jetzt gerade, es gibt doch wirklich immer mehr Fahrräder auf den Straßen).

Ein weiteres Problem ist dann natürlich, dass diese Form der Belohnung dem Prinzip der Datensparsamkeit komplett widerspricht. Ich muss alle meine Wege und meinen Konsum offenlegen, um profitieren zu können. Und dass das problematisch ist, wurde ja schon an vielen Stellen oft genug thematisiert, das wiederhole ich hier jetzt nicht noch mal.

lt:;dr: Für mich ist dieser Ansatz der Falsche. Anstatt Menschen mit kleinen Belohnungen oder Gamification zu nachhaltiger Mobilität oder nachhaltigem Konsum zu animieren, sollten lieber erst einmal die Steine aus dem Weg geräumt werden, die diejenigen an der nachhaltigerem Leben hindern, die eh schon wollen.